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Neue Westfälische, 16.01.10

In perfekter Wasserlage


Rettungsschwimmerin Fabienne Göller debütierte als 16-Jährige mit einer Goldmedaille bei den World Games in Taiwan

Fabienne Göller von der DLRG Rheda-Wiedenbrück wurde im vergangenen Jahr förmlich von einem Erfolg zum nächsten getragen. | FOTO: HENRIK MARTINSCHLEDDE

VON CARSTEN BIERMANN

Rheda-Wiedenbrück. Bei dieser Vielzahl von Erfolgen ist es schwierig, mit dem Zählen nachzukommen. Die Frage, wie viele Medaillen sie bei der Junioren-EM gewonnen hat, bringt Fabienne Göller ins Grübeln. Nach kurzem Achselzucken und schnellem Nachrechnen kommt die Rettungsschwimmerin aus Rheda-Wiedenbrück zu einem Ergebnis: "Es waren sieben." Dazu zählten drei goldene. Damit wiederholte sie bei den Titelkämpfen 2009 ihr Ergebnis aus dem Vorjahr. Logisch, dass die 17-Jährige wieder zu den Kandidaten der NW-Sportlerwahl zählt.

Gewonnen hat sie diesen Ehrenpreis allerdings noch nicht. Bei ihrem insgesamt dritten Anlauf wirbt Fabienne Göller mit plausiblen Argumenten um die Gunst der Leser. 2009 markierte für sie das Jahr, in dem sie erwachsen wurde – aus sportlicher Sicht. Obwohl noch im Juniorenalter, debütierte sie für die deutsche Nationalmannschaft in der offenen Klasse. Als 16-Jährige erlebte sie bereits einen Höhepunkt, von dem viele ihr Sportlerleben lang träumen: Die World Games, die als Olympische Spiele für die nicht-olympischen Sportarten bezeichnet werden. Und mit Taiwan fanden diese in einem Land statt, das zusätzlich die Abenteuerlust weckt.

Über ein halbes Jahr später huscht immer noch ein verzücktes Lächeln über ihr Gesicht, wenn sie von den "tollsten Erlebnissen" ihrer Karriere berichtet. "Es war mein größtes Ziel, dabei zu sein", sagt sie und zeigt Bilder, die die zweiwöchigen Wettkämpfe dokumentieren. Auf einem Foto strahlt Fabienne Göller Arm in Arm mit Bundestrainerin Anne Lühn in die Kamera, um den Hals baumelt Edelmetall. Bei ihrer Premiere verhalf das jüngste Mitglied dem zwölfköpfigen deutschen Team gleich zu Platz eins in der Gesamtwertung der Staffelwettbewerbe. "Ich hätte nie im Leben damit gerechnet, eine Medaille mit nach Hause zu nehmen." Auch im Einzel schlug sich die Wiedenbrückerin gegen die Weltelite aus China, Italien und Australien blendend. Zweimal erreichte sie das Finale, über 50 Meter Retten schlug sie als Achte an, über 100 Meter Retten mit Flossen als Siebte.Mehr als Zeiten und Platzierungen beglückte sie aber das Gefühl, "als richtige Leistungssportlerin" respektiert worden zu sein. Ob einheitliche Bekleidung für die Mannschaft, Abholservice vom Flughafen oder Siegerehrungen mit feierlichem Einmarsch: Die besonderen Extras, die besonderen Sportlern zuteil kommen, kannte Fabienne Göller bisher nur vom Hörensagen: "Bei Wettkämpfen im Rettungssport habe ich so etwas noch nie gesehen." Auch ohne Olympisches Dorf erfasste die Teilnehmer der viel beschworene Olympische Geist.  In Taiwan waren alle in einem Hotel untergebracht, "was den Zusammenhalt noch verstärkte", wie Fabienne Göller sagt. Durch ihren Sport hat sie Freundschaften in der ganzen Welt geschlossen: "Es ist immer schön, sich bei Wettkämpfen zu treffen."

Zumeist bleiben die Aktiven unter sich – auch das war in Taiwan anders. So blickte Fabienne Göller nicht auf halbleere, sondern auf volle Zuschauerränge. Und die Besucher honorierten die Leistungen, als gebe es echte Weltstars zu bewundern. "Ich musste sogar Autogramme schreiben", berichtet die nun 17-Jährige. Ihre treuesten Anhänger reckten ihr keinen Zettel entgegen, feuerten sie dafür aber umso lautstärker an. Vater Thomas (50), Mutter Gabi (49) und Bruder Sebastian (14) buchten ihren Familienurlaub in Taiwan. Rund 10.000 Kilometer fern der Heimat über einen eigenen kleinen Fan-Club zu verfügen, machte Fabienne Göller noch stolzer, als sie es eh schon war. "Sonst gab es schließlich kaum deutsche Zuschauer."

Wieder zu Hause angekommen, ereilte sie schnell die Realität, als Rettungsschwimmerin wenig Anerkennung zu erfahren, auch wenn der Trainingsaufwand mit üblicherweise sechs Einheiten pro Woche ("Donnerstags habe ich frei") dem eines Fußballers in nichts nachsteht. Zwar möchte sie nicht tagtäglich im Mittelpunkt stehen, doch auf Nachfragen von Lehrern, wo sie denn mal wieder gewesen sei, kann sie gut verzichten. "Viele wissen in der Schule gar nicht, was ich mache", sagt die Elftklässlerin des Ratsgymnasiums. Dabei ist es ein mindestens so großer Kraftakt, das Lernen mit dem Training in Einklang zu bringen, wie stets mit Top-Zeiten zu glänzen. Durch "hartes Nacharbeiten" schwimmt sie auch in der Schule oben, die Noten sind "immer noch so gut wie früher." Nach dem Abitur soll ein Studium folgen. Ob es an ihre Lieblingsfächer Mathe und Informatik anknüpft bleibt abzuwarten.

Im sportlichen Bereich formuliert Fabienne Göller ihre Ziele deutlicher: "Ich möchte mit Theresa Franz einen Weltrekord schaffen." Dieser Wunsch rührt vom letzten Großereignis 2009 her, dem Deutschlandpokal. Nach erfolgreichen Starts bei EM und DM in der Juniorenklasse markierte der Saisonabschluss ihren zweiten Einsatz in der Nationalmannschaft. Über 100 Meter Retten mit Seil sorgte sie mit ihrer Vereinskameradin für den erhofften Paukenschlag und verbesserte den Weltrekord von 11,6 auf 11,4 Sekunden. Doch nur kurze Zeit später entrissen zwei Holländerinnen mit einer Fabelzeit von 10,4 Sekunden ihnen den sicher geglaubten Titel.

Ganz ohne Gold musste Fabienne Göller aber nicht die Heimreise antreten. Über 50 Meter Retten hängte sie in 37,89 Sekunden die nahezu komplett anwesende Weltelite ab. Nur um vier Zehntel verfehlte sie ihre Bestmarke. Da erstmals  ohne High-Tech-Anzüge geschwommen wurde, eine hervorragende Leistung. Fast noch prestigeträchtiger ordnet Fabienne Göller ihre zweite Goldene ein. Mit dem Erfolg in der Mannschaftswertung blieb der Deutschlandpokal in der Heimat. "Das wollten wir unbedingt schaffen."

Ohne Lampenfieber absolvierte die 17-Jährige in Warendorf auch ihren ersten Fernsehauftritt. Der WDR berichtete in der Lokalzeit über den Wettkampf – mit Fabienne Göller in

der Hauptrolle. Unglücklicherweise filmte der Sender eine Strecke, bei der es ausnahmsweise nicht wie gewünscht lief, wodurch der Beitrag einen, wie Göller findet, "leicht dramatischen Unterton hat." Die Fernsehzuschauer bekommen aber einen Einblick in die Tücken und Unwägbarkeiten des Rettungssports. Fabienne Göller wurde nämlich disqualifiziert, weil sie nicht, wie vom Reglement gefordert, die 40 Kilogramm schwere Puppe mit dem Kopf über Wasser ins Ziel schleppte. "Das ist immer ein hohes Risiko", erklärt sie. Um "die letzten Zehntel herauszuholen", wird der Dummy mit einem Arm festgekrallt, während der andere die üblichen Kraulschläge ausführt. Bei der Kraftanstrengung passiert es schonmal, dass die Puppe absäuft.

"Fabienne ist noch jung und unerfahren", entschuldigte Bundestrainerin Lühn vor der Kamera das missglückte Rennen ihrer Musterschülerin. Und wies gleichzeitig darauf hin, dass von der Wiedenbrückerin in Zukunft einiges zu erwarten sei. Vielleicht schon im Herbst 2010, wenn in Ägypten mit der ersten WM-Teilnahme die nächste große Herausforderung wartet. Nach einem Vorbild muss sie nicht lange suchen. Ihr Heimtrainer Carsten Schlepphorst sammelte in seiner Karriere 23 Titel. So weit möchte Fabienne Göller nicht gehen: "Wenn ich in meinem Leben einmal Weltmeisterin würde, wäre ich schon zufrieden."

Ein Jahr mit acht Titeln

Alle Erfolge von Fabienne Göller des Jahres 2009 aufzuzählen, würde den Rahmen sprengen. Hier ihre wichtigsten: Nach der Goldmedaille bei den World Games folgte im September sieben Mal Edelmetall bei der Junioren-EM in Eindhoven, darunter Gold über 50 Meter Retten sowie in der Staffel und der Teamwertung. Bei der DM in Itzehoe schwamm sie erstmals für die Damenmannschaft der DLRG Rheda-Wiedenbrück – und holte mit Theresa Franz, Claudia Schlepphorst, Anneke Hesse und Susanne Kornek natürlich Gold. Souverän gewann sie außerdem die Einzelwertung in der Altersklasse 17/18. Ihr goldiges Jahr komplettierte Fabienne Göller im November mit den Medaillen sieben und acht beim Deutschlandpokal in Warendorf.

Von: juergen.jgw


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