Presse, 01.08.08
Medaillenjagd im Teich der Rettungsschwimmer
Schwimmen bei Olympia 1904 in St. Louis: Deutsche Sportler haben 1904 wenig Konkurrenz, aber viele Gegner
St. Louis (DSV) Am 31. Juli 1953 verliert der deutsche Sport einen seiner Helden der Spiele von 1904 in St. Louis. Mit Georg Zacharias stirbt der Mann, der die seit Jahrzehnten vergessene Distanz von 440 Yards (402,34 Meter) Brust souverän vor seinem Landsmann Walter Brack gewinnt und damit seinen Beitrag dazu leistet, dass das Team des Deutschen Reiches im Medaillenspiegel Schwimmen mit viermal Gold sowie je zweimal Silber und Bronze vor Gastgeber USA (3 – 6 – 5) gelistet wird.
Die Erfolgsbilanz ist bemerkenswert, nehmen doch der hohen Reisekosten wegen insgesamt nur 42 nichtamerikanische Olympionieken an den 94 Wettbewerben teil. Mit 17 Sportlern stellt Deutschland das größte europäische Team. Das Sextett der Schwimmer hat wenig Konkurrenz, aber viele Gegner. Wie die Austragungsstätte: Der „Life Saving Exhibition Lake“ ist ein künstlich angelegter Teich, in dem die US-Küstenwache den Besuchern der Weltausstellung Übungen im Rettungsschwimmen zeigt. Gleich nebenan liegt das für die Landwirtschaftsausstellung reservierte Terrain: Die Abwässer aus Düngerrückständen können praktischerweise durch einen Bach in den olympischen Teich abgeleitet werden. Das deutsche Team ist von besonders stabiler Konstitution, denn im Gegensatz zu einigen Rivalen erkranken Zacharias und Co. nicht.
Auch die sportlichen Bedingungen sind gewöhnungsbedürftig: Bahnen sind nicht abgetrennt, als Wendemarke dienen Seile. Und der Start erfolgt von einem schwankenden Bohlenfloß – ein normales Abstoßen mit den Beinen ist nicht möglich, so dass die Rückenschwimmer ins Wasser hüpfen müssen und sich erst danach in die richtige Lage drehen können.
Der Berliner Emil Rausch kommt in diesem Ambiente am besten zurecht, holt zweimal Gold und einmal Silber. Die olympischen Medaillen, in St. Louis erstmals in der bis heute gültigen Form vergeben, sind die wichtigsten Bestandteile der umfangreichen Plakettensammlung des Mannes vom SV Poseidon. Ob über 100 m Freistil oder 7500 m durch die Oder – Rausch ist im ersten Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts so erfolgreich, dass er 1968 für würdig befunden wird, in die Ruhmeshalle des internationalen Schwimmsports in Fort Lauderdale aufgenommen zu werden.
(Neue Osnabrücker Zeitung NOZ vom 31.Juli 2008, MK)




